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Interview mit Kropotskin, dem Musiker, der das Anarcho-Punk-Repertoire entstaubt

Von: Emmanuel
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Kropotskin

Für dieses Interview geht es für uns nach Frankreich, wo wir einen netten Moment mit Kropotskin verbringen. Falls du ihn noch nicht kennst: Er ist ein Anarcho-Punk-Musiker mit einem ganz eigenen Stil, der langsam einen gewissen Erfolg in den sozialen Netzwerken hat. Wir sind völlig zufällig auf ihn gestoßen, über seine Videos, in denen er den Anarchismus verständlich erklärt, und über die alten Lieder aus dem französischsprachigen Repertoire, denen er eine Dynamik und eine wirklich ansteckende Energie verleiht. Genau das hat uns Lust gemacht, ihn zu kontaktieren und ihn auf NovaFuture ins Rampenlicht zu rücken. Und er war so freundlich, unsere Fragen zu beantworten. Dafür danken wir ihm. Es ist also eine schöne Gelegenheit, mal richtig gute Musik auf NovaFuture zu bringen. Mach dich also bereit, die Lautstärke aufzudrehen 🙂

NovaFuture : Hey Kropotskin! Zum Einstieg: Könntest du dich den Leserinnen und Lesern von NovaFuture vorstellen und uns deinen künstlerischen Ansatz erklären?

Kropotskin : Hey! Ich bin Kropotskin, ein Musiker, der für Punk, Anarchismus und Chansons brennt. Bei meinem Projekt geht es darum, Lieder aus dem anarchistischen oder revolutionären Erbe vorzustellen und die Gelegenheit zu nutzen, dieses politische Denken einem breiten Publikum verständlich zu machen.

Kropotskin : Konkret gehe ich von einem Lied aus und mache daraus drei Videos, die ich in den sozialen Netzwerken poste. Im ersten erzähle ich die Geschichte des Liedes oder die Geschichte des Anarchismus, immer mit einem Bezug zum Lied. Im zweiten spiele ich es in einer Punkversion mit Drumcomputer und 8-Bit-Synthie nach. Und im dritten mache ich eine akustische Fassung mit den Akkordfolgen, die ich auftreiben konnte, damit alle, die Lust haben, es selbst nachspielen können.

NovaFuture : Als ich deine Musik zum ersten Mal gehört habe, musste ich sofort an René Binamé et les Roues de secours denken, mit denen ich in Lüttich in Belgien ein paar großartige Momente erlebt habe. Ich sage das, um zu betonen, dass dich das in die große Tradition der anarchistischen Liedermacher stellt. Und genau dazu die Frage: Was hat dich inspiriert, diesem ganzen alten Repertoire einen kräftigen, modernen Anstrich zu verpassen?

Kropotskin : Stimmt, und du bist nicht der Erste, der die Parallele zu René Binamé zieht. Man muss auch sagen, dass wir einen Teil des Repertoires gemeinsam haben, und da ich ein Punk bin, habe ich Lieder wie „La vie s’écoule“ oder „La révolte“ logischerweise beim Hören entdeckt. Klar, das ist schmeichelhaft, aber ich glaube nicht, dass ich in der großen Tradition der anarchistischen Liedermacher stehe, schon allein, weil ich Traditionen nicht mag, und außerdem, weil ich eher Neuinterpretationen mache. Was die Inspiration angeht, war es am Anfang einfach nur ein Wortspiel. Stell dir vor: „Du heißt Kropotskin und coverst alte Anarcho-Songs als Oi!“ Ein Kollege und ich auf der Arbeit haben uns darüber kaputtgelacht, und da ich schon eine ganze Menge alter Anarcho-Songs in meiner Playlist hatte und schon seit etlichen Jahren Punk mache und mir das Konzept einfach nicht mehr aus dem Kopf ging, tja, hab ich mich da eben drangemacht.

NovaFuture : Du könntest dich aufspielen, so nach dem Motto: Ich bin der Künstler. Aber stattdessen räumst du mit dem Mythos auf. Zum Beispiel, indem du klar erklärst, wie man die Gitarrenakkorde greift, um genau das Gleiche hinzubekommen. Dieser Sinn fürs Teilen, das sieht ganz so aus, als wäre er ein echtes Erkennungszeichen der anarchistischen Philosophie?

Kropotskin : Zunächst mal habe nicht ich die Lieder und die Akkorde geschrieben, da wäre es ganz schön dreist von mir, sie mir anzueignen 😂 😂 Und außerdem muss man ja „die Produktionsmittel miteinander teilen“, wie es so schön heißt! Davon abgesehen hast du recht: Der Sinn fürs Teilen scheint mir etwas Wichtiges in der anarchistischen Philosophie zu sein und letztlich sogar in jeder antikapitalistischen Philosophie. Und dann kommt noch dazu: Je mehr Leute den Anarchismus und die Revolution besingen, also je mehr Leute diese Lieder hören, desto größer ist die Chance, dass ein paar davon diese Bewegung entdecken und/oder sich für sie interessieren.

NovaFuture : Ganz ohne Wertung: Es wirkt widersprüchlich, anarchistische Inhalte auf Plattformen zu veröffentlichen, die dieser Philosophie komplett zuwiderlaufen. Ehrlich gesagt verwirrt mich das persönlich ein wenig. Aber auf der anderen Seite finde ich es auch sehr mutig, aus seiner Komfortzone herauszutreten. Das gibt deinem Vorgehen eine ziemlich surreale Note. Und im Grunde ist es ja klar, dass du damit Menschen erreichst, die ohne dich vermutlich nie etwas vom Anarchismus hören würden. Es stellt sich also die Frage, wie du diesen Spagat hinbekommst, und ob du dir schon überlegt hast, dein Publikum später zu Plattformen zu lotsen, die eine Alternative zu den Big-Tech-Konzernen sind?

Kropotskin : Ja, im Grunde ist das Ziel, so viele Leute wie möglich zu erreichen. Das Unter-sich-Bleiben ist bequem und beruhigend, aber ich finde, dass es einen mit der Zeit ziemlich abschotten und vom echten Leben abschneiden kann, auch wenn es natürlich super wichtig ist, um sich ein politisches Denken aufzubauen. Was ich in meinen Erklärvideos mache, ist wirklich Wissensvermittlung für alle: Ich werfe ein Thema in den Raum, und in den Kommentaren wird dann ordentlich diskutiert. Wenn das ein paar Leuten Lust macht, sich genauer damit zu beschäftigen, was Anarchismus wirklich ist, dann ist das schon mal was wert! Wir sind weit von der Zahl entfernt, die wir Ende des 19. Jahrhunderts mal waren, und wenn wir eine Gesellschaft ohne Hierarchie wollen, dann müssen möglichst viele Ausgebeutete wissen, dass das möglich ist. Was die Alternativen zu Big Tech angeht, gebe ich ehrlich zu, dass ich davon nicht viel Ahnung habe. Ich war noch nie besonders gut in Technik, ich hab mein 3310 erst vor zehn Jahren in Rente geschickt 😂😂. Und ich denke, andere sind darin viel besser als ich, alle, die wollen, zu gesünderen Plattformen umzuleiten.

NovaFuture : Es gibt eine ganze Strömung des Anarchismus, die dazu neigt, völlig in der Vergangenheit festzukleben. Auf NovaFuture betrachten wir den Anarchismus eher als eine Art lebendige Materie, die zu den Herausforderungen ihrer Zeit passen muss, ohne dabei das philosophische Erbe der Alten zu vergessen. Wie siehst du deinerseits den Anarchismus in der Version der 2020er Jahre?

Kropotskin : Ich denke, der Anarchismus entwickelt sich schon von Natur aus weiter. Wenn man gemeinsam beschließt, Maßnahmen zu ergreifen, um Probleme zu lösen, die uns betreffen, dann verändert die Art der Probleme zwangsläufig auch die Art und Weise, wie man sie löst. Man darf nicht vergessen, dass der Anarchismus kein Dogma ist, es gibt keine richtige Gebrauchsanweisung, und auch wenn sich manche Denker bestimmte Funktionsweisen ausgedacht haben, lassen sich diese nur dann anwenden, wenn man sich einig ist (sei es durch Konsens oder durch direkte Demokratie). Was die Anarchos angeht, die in der Vergangenheit festkleben, habe ich immer noch lieber mit ihnen zu tun als mit Faschos. Und wenn die Welt sich schon in Richtung Anarchismus bewegt, dann finde ich das Prinzip der freien Assoziation gar nicht übel, damit sich jeder auf seine Weise organisieren kann.

NovaFuture : Spielst du nur Gitarre oder beherrschst du auch andere Instrumente?

Kropotskin : Nein, ich spiele noch einige andere Instrumente (ob ich sie beherrsche, ist allerdings eine ganz andere Frage 😂😂). Ich singe natürlich auch und spiele Bass, aber auch Irish Whistle, Saxofon, Mandoline, Geige, Schlagzeug und ein bisschen Dudelsack. Wenn man mich in meinen Videos ein anderes Instrument spielen sieht, dann bin das wirklich ich, der es spielt. Im Übrigen sehe ich das Programmieren von Drumcomputern und Synthies auch als ein Instrument an.

NovaFuture : Was sind ganz allgemein deine musikalischen und kulturellen Einflüsse?

Kropotskin : Musikalisch bin ich wirklich für ziemlich viel offen. Bei revolutionären Liedern kann das mal Marc Ogeret sein oder auch Kornalyn, der sie ebenfalls neu interpretiert, und das ist echt super. Beim Punk stecke ich gerade in einer heftigen D-Beat-Phase, mit Sachen im alten Stil wie Wolfbrigade und auch Neuerem wie Clava oder G.L.O.S.S., aber ich bleibe auch ein großer Fan klassischerer Bands wie O.T.H, Toy Dolls oder The Exploited (man kann davon halten, was man will, aber für mich hat man im Punk musikalisch nie etwas Besseres hinbekommen). Bei Klassik höre ich im Moment in Dauerschleife Une nuit sur le mont chauve von Moussorgsky und Sachen von Camille Saint-Saëns. Bei Metal steh ich ziemlich auf Deathcore (aber nicht die Sorte mit Metalcore drin) wie Hellth oder Disembodied Tyrant, aber ich vergesse auch die etwas älteren Sachen nicht, wie Cavalera Conspiracy oder Mental Slavery. Und dann mag ich auch alles, was so in Richtung traditionelle und tribale Musik geht, sehr gern, zum Beispiel höre ich viel Chaabi, aber generell mache ich meine besten Entdeckungen bei tribaler Musik auf alten Schallplatten, die in den 60er- und 70er-Jahren vor Ort aufgenommen wurden. Beim Rap bleibe ich diesmal vor allem old school, also mit Don Choa, Puppet Mastaz und so weiter. Aber es kommt vor, dass mir auch neuere Sachen gut gefallen, etwa Changeline. Im Grunde bin ich ziemlich wählerisch bei dem, was ich gern höre, aber überhaupt nicht beim Musikstil. Was ich meine: Ich suche jedes Mal nach etwas Rauem oder Aggressivem, und das ist für mich der Punkt, der entscheidet, ob ich ein Stück oder einen Künstler mag oder nicht, nicht der Musikstil.

NovaFuture : Wie findest du die aktuelle Punkszene auf internationaler Ebene? Gibt es Bands, die du besonders schätzt? Tendenzen, die dir gefallen oder missfallen?

Kropotskin : Also ganz ehrlich, ich bin eher in der lokalen Szene unterwegs, und ich finde es super wichtig, sie zu unterstützen. Ich finde, man gibt sein Geld besser zehnmal für einen Zehn-Euro-Eintritt aus, um „kleine“ Bands zu sehen, die sich in kleinen Läden den Arsch aufreißen, als einmal hundert Euro, um irgendeine große Band auf einem Event zu sehen, mit Bier für 8€ und ohne Wiedereinlass. Ich sage nicht, dass man nicht zu großen Konzerten gehen soll, ich mache das auch ab und zu, und ehrlich gesagt habe ich die paar großen Termine, bei denen ich als Musiker auf der Bühne stehen durfte, geliebt. Aber die lokale Szene zu unterstützen ist meiner Meinung nach wirklich wichtig. Um die internationale Szene zu entdecken, nutze ich übrigens ziemlich viel Bandcamp, wo es trotzdem unglaublich viele Bands zu entdecken gibt, und wo es eben weniger ein Algorithmus ist und mehr deine künstlerischen Vorlieben sind (weil du ja anhand des Covers auswählst, was du dir anhörst), die dich Bands entdecken lassen.

NovaFuture : Normalerweise stellen wir diese Frage eher Leuten, die im Open-Source-Bereich arbeiten, aber es ist spannend, mal die Meinung eines Künstlers zu hören. Was hältst du ganz allgemein von KI?

Kropotskin : Also pass auf, der erste Prompt, den ich je in eine KI getippt habe, war „schreib mir den Text eines Liedes, das erklärt, wie die KIs die Apokalypse auslösen werden“ 😂 Ich hab es mit einem alten Trash-Metal-Projekt namens Stegozor gespielt. Davon abgesehen glaube ich nicht, dass KI die Künstler ersetzen wird. KI ist wirklich der Big Mac der Kunst. So ein Ding, das man konsumiert, das immer gleich schmeckt und das du eine Stunde später wieder rauskackst 😂😂 (und das obendrein die Umwelt verpestet). Und meinerseits denke ich, dass das Wesen der Musik die Bühne bleibt, und wenn ich sehe, wie schwer es als Mensch manchmal sein kann, das Publikum mitzureißen, obwohl es eine gegenseitige Empathie gibt, dann wäre ich echt überrascht, wenn vor einer reinen KI irgendjemand Pogo tanzen würde…

NovaFuture : Wir kommen zum Ende dieses Interviews. Suchst du nach Auftrittsterminen? Falls ja, nur in Frankreich oder auch in anderen Ländern? Suchst du eventuell Musiker, um eine Band zu gründen? Und falls du eine Botschaft loswerden willst, nur zu, dafür sind wir da.

Kropotskin : Also erst mal ein großes Dankeschön, dass ihr mir das Wort gebt, das ist wertvoll! Ansonsten ja, auf jeden Fall, ich suche nach Gelegenheiten zum Spielen! Im Moment suche ich vor allem in der Bretagne, wo ich lebe, aber ich bin nicht abgeneigt, auch weiter weg zu spielen, im Gegenteil. Ich spiele Gitarre und singe zu einem Playback, und im Moment passt mir das so gut (mal sehen, wie sich das Projekt entwickelt, ob ich andere Musiker dazuhole, falls das nötig wird).

Wenn ich eine Botschaft loswerden müsste, dann diese: Macht das, was ihr könnt, um die Freiheit voranzubringen, das Einzige, was wir nicht brauchen, sind Hierarchie, Herrschaft und alles, was daraus folgt. Ansonsten brauchen wir alle, wir sind alle gleich, weil wir alle verschieden sind! Ganz viel Aufruhr für euch alle!

Kropotskin entdecken und ihm folgen

Gute Nachricht! Kropotskin ist gerade auf Mastodon gelandet 🙂 Wenn du also den Anarcho-Punk-Stil und gute Laune magst, laden wir dich herzlich ein, seinen Account zu entdecken: https://piaille.fr/@kropotskin. Hier ist außerdem der Link zu seinem YouTube-Kanal: https://www.youtube.com/@Kropotskin. Und zum Schluss haben wir zwei Videoclips für dich, um Schwung in deinen Tag zu bringen 🙂

Zum Schluss: Danke an Kropotskin und auf zur Fortsetzung

Wir haben uns über dieses Gespräch mit Kropotskin sehr gefreut. Vor allem, weil es das erste Interview ist, das wir außerhalb des Open-Source-Rahmens führen. Beim nächsten Mal würden wir gern im kulturellen Bereich bleiben. Wenn du also einen Künstler kennst, der es wert ist, ins Rampenlicht gerückt zu werden, dann zögere nicht, uns Bescheid zu geben. Und wenn du selbst der Künstler bist, ist das auch kein Problem 😉 Egal welche Sprache und welcher Ort, denn genau wie die Kultur kennt NovaFuture keine Grenzen. Wir hoffen, dieses Format hat dir gefallen, und bis ganz bald zu neuen Abenteuern 🙂

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