Wie wär’s, wenn wir endlich beschließen würden, mit Kriegen und Militarismus ein für alle Mal Schluss zu machen?

Von allen menschlichen Verhaltensweisen ist es die Dummheit des Krieges, die mich am meisten anwidert. Mit dem Wandel der Denkweisen hätte man eigentlich erwarten können, dass diese Tragödie endlich ein Ende findet. Aber von wegen! Ganz im Gegenteil, die Menschheit hat kolossale Mittel aufgewendet, um diese Barbarei zu modernisieren, und zwar bis zu dem Punkt, an dem die Selbstzerstörung unseres Planeten möglich geworden ist.
Unsere Gesellschaften sind dermaßen von vergangenen oder aktuellen Kriegen durchdrungen, dass diese fast schon zu einer Art Schicksal geworden sind. Oder sogar zu etwas völlig Banalem für all jene, die nicht von einem bewaffneten Konflikt betroffen sind. Dabei ist absolut nichts daran unausweichlich, denn es würde eine ordentliche Portion politischen Mutes ausreichen, um mit dieser Praxis aus einer anderen Zeit endgültig Schluss zu machen. Wie bei allen kollektiven Lösungen fängt das mit einem individuellen Bewusstseinswandel an. Genau darum geht es in diesem Artikel, dessen Ziel es ist, einmal mehr zu beweisen, dass eine andere Welt möglich ist.
Wenn sich die Grausamkeit des Krieges hinter Zahlen versteckt
Man hat den Eindruck, manche Filme würden die Schrecken des Krieges zeigen … bloß sind sie weit davon entfernt! Denn wenn ein Film die wahren Schrecken des Krieges tatsächlich so darstellen würde, wie sie sind, ohne irgendetwas zu zensieren, dann kann ich dir versichern, dass sämtliche Rekrutierungsbüros der Armee ernsthafte Probleme bekämen.
Wozu also diese ganze Zimperlichkeit, wenn es darum geht, das wahre Gesicht bewaffneter Konflikte zu zeigen? Vielleicht, weil die Leute sich endlich folgende Frage stellen würden, wenn die Mainstream-Medien tatsächlich das Ergebnis einer Bombardierung in einem Wohngebiet zeigen würden: Für so eine Barbarei wird also ein großer Teil der Steuern verwendet, die ich zahle? Und genau dieselben Medien könnten ebenso den Schrecken zeigen, den eine Bevölkerung empfindet, wenn sie einen Krieg über sich ergehen lassen muss. Mir persönlich ist nicht danach, ins Detail zu gehen, denn schon der bloße Gedanke daran dreht mir den Magen um.
Klar, es wird immer einen sehr kleinen Anteil von Psychopathen letzten Grades geben, die angesichts des Unerträglichen unbeeindruckt bleiben. Leider sind es genau solche Geisteskranken, die die Völker viel zu oft an die Macht hieven, weil sie die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen, mit autoritärem Gehabe verwechseln. Denn ja, um ein Land in einen Krieg zu treiben, muss man nicht nur ein Psychopath sein, sondern auch unfähig zum Dialog.
All diese Machthaber, die ihr Ego aufblasen, indem sie im großen Stil Verwüstung säen, schrecken vor keiner Manipulation zurück, um ihrem Volk ihre Massaker zu verkaufen. Schlicht und einfach deshalb, weil jedem die grauenhaften Erzählungen der beiden Weltkriege noch sehr präsent sind, ebenso wie die des Vietnamkriegs, der medial deutlich weniger gefällig behandelt wurde als andere Konflikte. Nach all dem hat also zwangsläufig kaum noch jemand Lust, sich auf einen solchen Sumpf einzulassen, aus dem niemand unversehrt herauskommt.
Um diese Blockade zu umgehen, verkauft man dem Volk also bequeme Abenteuer, etwa Kriege, die in drei Tagen gewonnen sind. Und damit sich das noch besser verkauft, nennt man das Ganze einfach eine Spezialoperation oder gibt ihm einen bescheuerten Namen wie Wüstensturm. Es gibt auch Kriege, die offiziell gar keine wären, weil der Feind militärisch im klassischen Sinne so schwach ist, dass man uns das Ganze als Spaziergang verkauft. Und was soll’s, wenn das seit Jahrzehnten andauert, solange genug Leute meinen, das sei ein hinnehmbarer Zustand.
Die Krone des Zynismus geht aber wieder mal an die USA, die immer auf dem Treppchen der Bekloppten ganz oben stehen. Um zu verstehen, warum, muss man bis 1991 zurück, zum ersten Irakkrieg. Dieses „Werk” von Bush senior wurde uns damals unter dem Oxymoron „sauberer Krieg” verkauft. Dafür hat man uns im Fernsehen grüne Lichtblitze gezeigt und erklärt, dass alles reibungslos verlaufe. Nur dass die Bilanz dieses „sauberen Krieges” mehr als 100 000 Tote auf irakischer Seite waren, ohne von den lebenslang Verstümmelten und der massenhaften Zerstörung lebenswichtiger ziviler Infrastruktur wie Krankenhäuser und Trinkwasseraufbereitungsanlagen zu sprechen. Aber das Schlimmste an der Geschichte ist der Einsatz von Munition mit abgereichertem Uran durch die USA, die beide Kriegsparteien kontaminiert hat. Tut mir leid, aber sauber sieht echt anders aus!
Seitdem muss ein Krieg also als „sauber” deklariert werden, um akzeptabel zu sein. Also präsentiert man ihn wie ein Videospiel. Ein Flugzeug oder eine Drohne fliegt am Himmel. Sie wirft ihre Bombe ab. Dann zeigt man dir ein oder zwei Tage später ein zerstörtes Gebäude. Allerhöchstens noch eine kurze Einstellung von Menschen, die um ihre Angehörigen weinen. Aber wirklich nur ein paar Sekunden, damit dir die Lust nicht vergeht, dir die anschließende Werbung anzusehen.
Es gibt keine Fahne, die groß genug wäre, um die Schande zu bedecken, Unschuldige zu töten. — Howard Zinn
So weit ist es also gekommen: Man hält uns für Vollidioten! Aber vor allem sind wir wider Willen die Opfer einer großangelegten Desensibilisierung der Massen. Wie das funktioniert? Ganz einfach, indem man dir Zahlen ohne jeglichen Kontext um die Ohren haut. Beispiel: Man verkündet dir 10 000 Tote in diesem oder jenem Krieg … Was ändert das an deiner Empörung, ob es nun 10 000 oder 10 001 oder 100 002 oder 1 000 000 sind? Nicht viel, denn in deinem Kopf sind das nur Zahlen. Genauso wie die Anzahl der Obdachlosen, die Zahl der AIDS-Toten oder die Zahl der Menschen, die verhungern … Stell dir jetzt vor, man würde dich nur einen einzigen Tag mitten in eine dieser Tragödien hineinwerfen. Es versteht sich von selbst, dass du fürs Leben gegen den Reflex geimpft wärst, dich mit nackten Zahlen zufriedenzugeben. Die Manipulation, der wir ausgesetzt sind, besteht also darin, uns so weit wie möglich von der Realität zu entfernen, indem man uns daran gewöhnt, dass das Inakzeptable bedeutungslos wird. Und falls du das Pech hast, dieses Schema in Frage zu stellen, dann werden dich gleich viele Leute als Spielverderber abstempeln.
Kein Krieg ohne Propaganda
Kein Krieg hat jemals durch die spontane Begeisterung eines Volkes begonnen. Genau deshalb muss man ihm vorher immer einen möglichst furchterregenden Feind herstellen. Am besten gleich eine existenzielle Bedrohung und eine unmittelbare Gefahr, die keine andere Wahl lässt. Die Angst ist also der universelle Hebel, der allen anderen politischen Mechanismen entscheidend überlegen ist. Schlichtweg deshalb, weil sie das Nachdenken kurzschließt. Ein Volk, das Angst hat, wägt das Für und Wider nicht mehr ab, sondern sucht nur noch einen Beschützer, selbst wenn das bedeutet, ihm so ziemlich jeden Blankoscheck auszustellen.
Die Bedienungsanleitung für die Zustimmung zum Krieg hat Hermann Göring am besten erklärt. Das war 1946 in seiner Zelle in Nürnberg, ein paar Monate vor seiner Hinrichtung. Als der Journalist Gustave Gilbert ihn fragte, wie man ein ganzes Volk dazu bringen könne, mit Schwung in den Krieg zu ziehen, antwortete der entmachtete NS-Würdenträger mit einer Sachlichkeit, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt: „Natürlich will das Volk keinen Krieg. Aber schließlich sind es die Führer eines Landes, welche die Politik bestimmen. Und es ist immer einfach, das Volk mitzuziehen. Man muss den Leuten nur sagen, sie würden angegriffen, und den Pazifisten ihren Mangel an Patriotismus vorhalten.” Man muss feststellen, dass diese Methode der Massenmanipulation immer noch genauso gut funktioniert.
Die Mechanik der Propaganda ist also denkbar einfach. Man schürt die Angst, man benennt den Schuldigen und man disqualifiziert all jene, die zu zweifeln wagen. Jeder Pazifist wird zum Verräter, jeder kritische Geist zum Agenten des Auslandes. Das gilt für alle Länder, Demokratien inklusive, sobald es darum geht, mit roher Gewalt aufeinander loszugehen.
Aber diese plumpe Propaganda ist nur die sichtbare Etage des Apparats. Die tiefere Etage, jene, die alles andere erst möglich macht, ist die Kriegskultur, die man den Kindern bereits auf dem Pausenhof einimpft. Plastiksoldaten in der Spielzeugabteilung, Ego-Shooter, in denen man Russen, Chinesen oder Araber abknallt, je nachdem, welcher Buhmann gerade aktuell ist. Hinzu kommen natürlich die Geschichtsbücher, die vergangene Schlachten verherrlichen, ohne ein Wort über die damit einhergehenden Gräueltaten zu verlieren, die Nationalhymnen, die von vergossenem Blut singen, und die Militärparaden, bei denen die Kinder lernen, Massenvernichtungswaffen zu bewundern. So produziert man Geister, die den Krieg normal, ja sogar wünschenswert finden, lange bevor man von ihnen verlangt, dort heldenhaft sterben zu gehen, falls möglich.
Sobald die Maschine einmal läuft, ist es nicht mehr nötig, die Propaganda übermäßig anzukurbeln. Der Mechanismus speist sich selbst, denn jede erlittene Gräueltat dient als Rechtfertigung für die als Vergeltung begangene Gräueltat. Vergeltungsschläge ziehen weitere Vergeltungsschläge nach sich. Der Hass verdichtet sich mit jedem Zyklus, und jede Generation erbt die Streitigkeiten der vorherigen. So entstehen Konflikte, die jahrzehntelang andauern und in denen die ursprüngliche Ursache nur noch ein historisches Detail ist, begraben unter Tausenden von Toten, die gerächt werden wollen.
Krieg ist eine Geschichte von Männern und Dominanz
Statistisch gesehen ist Krieg Männersache. Die Anstifter sind Männer, die Generäle sind Männer, die Soldaten sind in der überwältigenden Mehrheit Männer. Das ist kein biologischer Zufall, sondern eine Tatsache, die es verdient, dass man ihr ins Gesicht schaut, statt sie schamhaft zu umgehen, wie man es seit Jahrhunderten tut.
Männlichkeit, wie sie in praktisch allen Zivilisationen konstruiert wurde, ruht auf drei Säulen, die untrennbar zusammengehören. Körperliche Stärke, die Fähigkeit zur Beherrschung anderer und der Mut angesichts von Gewalt. Ein „echter Mann” kämpft, erobert, beschützt sein Territorium, breitet seinen Einfluss aus und akzeptiert es, wenn nötig zu sterben, um seinen Mut zu beweisen. Die gesamte kriegerische Mythologie, von der Ilias bis zu Rambo oder American Sniper, erzählt nur eine einzige und immer dieselbe Geschichte: die des Mannes, der sich durch legalisierte Gewalt verwirklicht. Und was für die Erzählung gilt, gilt umso mehr für die militärischen Institutionen. Denn die Armeen sind allesamt Schulen der Männlichkeit, die im patriarchalen Sinne des Wortes Männer heranzüchten, und zwar über Demütigung, Verrohung und das Auslöschen jeglicher Empfindsamkeit, die als feminin gilt.
Die Logik der Dominanz, die dem Krieg zugrunde liegt, ist exakt dieselbe wie jene, die dem Patriarchat zugrunde liegt. Seine Macht durch Stärke behaupten, seine Kontrolle ausweiten, das, was Widerstand leistet, zermalmen und den Besiegten demütigen. Wenn ein Staat einen anderen Staat überfällt, wendet er auf internationaler Ebene das an, was das dominante Männchen auf häuslicher Ebene anwendet. Es sind dieselben mentalen Triebfedern, dasselbe zwanghafte Bedürfnis, seine Macht durchzusetzen, um zu existieren. Außerdem waren die schlimmsten Kriegsregime der Geschichte schon immer von einer überbordenden Misogynie geprägt. Und das ist kein Zufall, denn der Krieg und die Beherrschung von Frauen entspringen demselben mentalen Programm. Genau das erklärt zweifellos die enorme Anzahl an Vergewaltigungen in Kriegszeiten.
Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass alle Frauen pazifistisch wären oder dass alle Männer potenzielle Schläger seien. Es gab kriegslüsterne Staatschefinnen, und es gibt Männer, die ihr Leben dem Frieden widmen. Aber solange das patriarchale System den dominanten Denkrahmen der Gesellschaften bildet, wird der Krieg dort immer seine Rechtfertigung finden. Mit Kriegen Schluss zu machen, setzt also vor allem voraus, das Programm einer toxischen Männlichkeit zu zerlegen, das sie überhaupt erst möglich und wünschenswert macht.
Der Mythos der triumphierenden Helden
Die offizielle Erzählung kennt nur einen einzigen Werdegang. Den des Soldaten, der ruhmreich mit der Blume am Gewehr zurückkehrt, nachdem er den Feind niedergerungen hat. Nur dass diese Erzählung nie der Realität entsprochen hat, nicht einmal im Lager der angeblichen Sieger.
Die Zahlen sprechen für sich, sofern man sie sich anschaut. Beispielsweise übersteigt in den USA seit Vietnam die Zahl der Veteranen, die durch Suizid aus dem Leben geschieden sind, bei Weitem die Zahl der amerikanischen Soldaten, die im selben Zeitraum im Kampf gefallen sind. Auf britischer Seite haben sich nach ihrer Rückkehr mehr ehemalige Kämpfer der Irak- und Afghanistankriege das Leben genommen, als auf dem Schlachtfeld gestorben sind. In Frankreich weisen die Veteranen der Auslandseinsätze Raten posttraumatischer Belastungsstörungen auf, die weit über dem nationalen Durchschnitt liegen, und das Verteidigungsministerium hat sich lange geweigert, seine eigenen Zahlen zu Soldatensuiziden zu veröffentlichen.
Hinzu kommen die verstümmelten Körper, die keine Zeremonie wirklich zeigt, die Süchte, die der Rückkehr ins Zivilleben oft folgen, und die häusliche Gewalt, die zerbrochene Männer schließlich an ihren Angehörigen ablassen. Nicht zu vergessen die Obdachlosigkeit, die in allen reichen Ländern einen unverhältnismäßig hohen Anteil ehemaliger Kämpfer trifft. Das ist die Realität, die man hinter den Medaillen und Gedenkfeiern versteckt. Der Militärheld war nie etwas anderes als ein Typ, den man dorthin geschickt hat, um andere Typen zu töten, und zwar im Auftrag einer dritten Kategorie, die schön im Trockenen geblieben ist. Diese dritte Kategorie besteht selbstverständlich aus Politikern und Industrien, die voll und ganz vom Opfer jener Menschen profitieren, die sie zur Schlachtbank geschickt haben.
Der gigantische Skandal der Militärbudgets
Im Jahr 2024 haben die weltweiten Militärausgaben in einem einzigen Jahr die Schwelle von 2700 Milliarden Dollar überschritten. Der Anstieg verläuft seit zehn Jahren konstant, und niemand erwägt ernsthaft, ihn umzukehren. Im Gegenteil, jede geopolitische Krise dient als Vorwand für eine neue Budgeterhöhung, und jede Erhöhung wird zur neuen Untergrenze, unter die zurückzugehen „verantwortungslos” wäre. Allein die USA bringen es auf über 900 Milliarden pro Jahr, China auf über 300, Russland auf rund 150, Frankreich hat die 60 Milliarden überschritten, und das geht weltweit weiter nach oben.
Währenddessen brennt der Planet. Im wahrsten Sinne des Wortes. Die Berichte des Weltklimarats stapeln sich seit dreißig Jahren und erklären, dass massiv in die Energiewende, die thermische Sanierung, die Wiederaufforstung, den Schutz der Ökosysteme und die Anpassung der Gesellschaften an das sich abzeichnende Klimachaos investiert werden müsste. Die Summen, die zur Umsetzung einer wirklich ökologischen Politik erforderlich sind, werden regelmäßig beziffert, und sie wirken hoch, bis man sie mit den Militärbudgets vergleicht. Und da kann man feststellen, dass sie nur einen Bruchteil dessen ausmachen, was zum Fenster hinausgeworfen wird, um in industriellem Maßstab Tod und Verwüstung über den gesamten Planeten zu säen.
Währenddessen schließen in allen Ländern Krankenhäuser ihre Stationen aus Geldmangel. Menschen sterben auf Tragen in den Fluren der Notaufnahmen. Die öffentlichen Schulen verfallen, die Lehrkräfte gehen im Burnout zugrunde, die Universitäten müssen ihre Budgets kürzen … Die Grundlagenforschung verreckt auf Sparflamme, weil kein Ministerium die paar Milliarden auftreibt, mit denen ihr glänzende Entdeckungen ermöglicht würden. Sozialer Wohnungsbau ist keine wirkliche Priorität. Ganze Familien schlafen in den reichsten Ländern der Welt in ihrem Auto. Die Tafeln sind völlig überlastet, Obdachlose sterben in völliger Gleichgültigkeit auf der Straße … Was für eine Schande!
Kein Geld, um das Klima zu retten, kein Geld für die medizinische Versorgung, kein Geld für Wohnraum, kein Geld für Ernährungssicherheit, kein Geld für Bildung, kein Geld für die Bekämpfung der Armut, kein Geld für die Forschung … Aber 2700 Milliarden pro Jahr, um die Möglichkeit aufrechtzuerhalten, sich im großen Stil gegenseitig abzuschlachten! Und kaum jemand schreit Skandal! An diesem Punkt handelt es sich nicht mehr um eine schlecht kalibrierte Haushaltspriorität. Das ist schlichtweg ein moralischer Bankrott von wahnwitzigem Ausmaß, und das einzige Rätsel ist, dass er einer breiten Mehrheit der Bevölkerung normal erscheint.
Die Atomwaffe ist der Gipfel der menschlichen Dummheit
Neun Staaten besitzen genug Atomwaffen, um den Planeten für Jahrhunderte unbewohnbar zu machen. Alle Welt weiß das seit drei Generationen, und kaum jemand regt sich noch wirklich darüber auf. Denn weil sie so allgemein bekannt ist, hat sich die Bedrohung schließlich in die Landschaft eingefügt, als hätte die Menschheit den Gedanken an ihre eigene programmierte Auslöschung akzeptiert.
Das offiziell verkündete Prinzip nennt sich Abschreckung. Die Idee dabei ist, dass niemand jemanden angreifen wird, solange jeder die Mittel hat, als Vergeltung zurückzuschlagen und alles in die Luft zu jagen. Sei’s drum … Aber selbst wenn man unterstellt, diese seltsame Logik halte stand, würden zwei oder drei Bomben pro Atommacht völlig ausreichen, um irgendjemanden davon abzuhalten, einen Angriff zu starten. Denn kein rational denkender Machthaber wird eine Offensive gegen ein Land einleiten, das in der Lage ist, als Vergeltung zwei oder drei Großstädte zu zerstören. Die Abschreckung ist also schon mit einer geringen Anzahl von Trägersystemen erreicht. Diese Bedrohung müsste also dort enden.
Nur dass es statt zwei oder drei Bomben pro Macht weltweit über zwölftausend gibt. Die USA und Russland teilen sich praktisch alles davon mit jeweils etwa fünftausend Sprengköpfen. Die anderen Mächte vervollständigen das Bild. Angesichts dieser irrwitzigen Zahlen hat die rationale Rechtfertigung der Abschreckung schon vor sechzig Jahren aufgehört zu greifen. Warum also hält man diese Absurdität aufrecht, ohne dass je eine ernsthafte Debatte darüber stattgefunden hätte?
Und als wäre die Lage nicht schon abstrus genug, fängt man jetzt auch noch an, Algorithmen in den Entscheidungsprozess hineinzulassen. Die Erkennungssysteme werden automatisiert, die Bedrohungsanalysen laufen über KI, die Reaktionsfenster verkürzen sich auf wenige Minuten, und der Druck, einen Teil der Entscheidungskette Maschinen anzuvertrauen, nimmt von Jahr zu Jahr zu. Wer Terminator gesehen hat, dem kommt das langsam verdammt bekannt vor: Skynet lässt grüßen. Der Unterschied ist, dass man darüber in den 80er Jahren noch im Kino lachen konnte, während es heute in den Untergeschossen mehrerer Verteidigungsministerien tatsächlich gebaut wird. Dabei gibt es seit der Erfindung der Atombombe wahrlich keinen Mangel an Warnungen großer Wissenschaftler. Und nichts bewegt sich! Man lässt das russische Atomarsenal verrotten, während andere Länder versuchen, Zauberlehrling zu spielen. Ganz zu schweigen von den USA und China, die der menschlichen Zivilisation nichts Besseres zu bieten haben als die Werkzeuge ihrer eigenen Auslöschung.
Die Hegemonie, die sich am Völkerrecht die Füße abputzt
Das Völkerrecht existiert auf dem Papier. Charta der Vereinten Nationen, Genfer Konventionen, Römisches Statut, durch das der Internationale Strafgerichtshof eingerichtet wurde, Nichtverbreitungsverträge und Resolutionen des Sicherheitsrats. Das stellt ein ganzes Bauwerk dar, das seit 1945 geduldig errichtet wurde, um den Beziehungen zwischen Staaten einen rechtlichen Rahmen zu geben und den Rückgriff auf den Krieg so weit wie möglich zu vermeiden. Aber das bleibt leider in den meisten Fällen heiße Luft.
Denn in der Praxis werden diese Schutzvorrichtungen weitgehend mit Füßen getreten, sobald eine Großmacht der Meinung ist, ihre Interessen erforderten dies. Als die USA 2003 in den Irak einmarschierten, ohne UN-Mandat und auf der Grundlage frei erfundener Lügen, wurde dafür niemand vor Gericht gestellt. Russland ist 2022 unter offenkundiger Verletzung sämtlicher Souveränitäts- und territorialer Integritätsprinzipien in die Ukraine einmarschiert und sitzt dennoch weiterhin als ständiges Mitglied im Sicherheitsrat. China seinerseits missachtet seit Jahren die internationalen Schiedssprüche im Südchinesischen Meer. Und Israel führt unter dem Schutz des systematischen amerikanischen Vetos seine Kolonisierung und seine Militäroperationen in fortgesetzter Verletzung unzähliger UN-Resolutionen weiter. Die Liste der Übertretungen des Völkerrechts könnte Tausende Seiten füllen.
Der zentrale Mechanismus dieser Straflosigkeit ist das Vetorecht im Sicherheitsrat. Mit fünf ständigen Mitgliedern, die jede kollektive Maßnahme gegen sich selbst oder gegen ihre Verbündeten blockieren können. Es handelt sich um die USA, Russland, China, Frankreich und das Vereinigte Königreich. Konkret bedeutet das, dass keines dieser fünf Länder vor der Institution zur Rechenschaft gezogen werden kann, die eigentlich den Weltfrieden gewährleisten soll, denn jedes von ihnen verfügt über einen roten Knopf, mit dem es jede ihm missliebige Entscheidung annullieren kann.
Und als ob diese permanente Sabotage nicht schon ausreichend wäre, hat Donald Trump die Verarsche noch eine Stufe weiter getrieben, indem er die Schaffung eines „Friedensrats” nach seinem Geschmack angekündigt hat, um die großen internationalen Dossiers unter Umgehung der UNO zu bearbeiten. Mit dieser Farce ist der Gipfel der Verachtung internationaler Institutionen erreicht. Aber was hätte man auch Besseres erwarten können von einem größenwahnsinnigen Mafioso.
Letztendlich kann, solange das Vetosystem in der UNO bestehen bleibt, kein einziges grundsätzliches Problem gelöst werden. Denn alle großen planetarischen Probleme erfordern eine echte internationale Zusammenarbeit und keine völlig verzerrten asymmetrischen Beziehungen.
Um Konflikte zu vermeiden, muss man das Selbstbestimmungsrecht der Völker anerkennen.
Die Weltkarte, wie wir sie heute kennen, hat nichts Natürliches an sich. Vor einem Jahrhundert sah sie radikal anders aus. Denn die meisten heutigen Grenzen wurden mit Lineal und Bleistift von europäischen Kolonialmächten gezogen, die weder die betreffenden Gebiete noch die dort lebenden Völker noch deren historische, sprachliche und kulturelle Realitäten wirklich kannten. In Afrika gibt es sogar einen Namen für dieses Desaster: die Balkanisierung. Dieses Wort bezeichnet absurde Aufteilungen, die homogene Völker zerstreut und Bevölkerungen, die nicht zusammen sein wollten, gewaltsam zusammengezwungen haben. Das Ergebnis ist bekannt. Mit permanenten ethnischen Konflikten, die seit den Unabhängigkeiten andauern und in nahezu völliger Gleichgültigkeit jedes Jahr Zehntausende Tote fordern.
Das Prinzip der Selbstbestimmung der Völker, das seit 1945 eigentlich eine Säule des Völkerrechts sein soll, müsste es ermöglichen, diese Aberrationen zu korrigieren. Nur dass es in der Praxis genau umgekehrt angewendet wird, als es sein sollte. Man schwingt es, wenn es den dominanten Mächten in den Kram passt, und beerdigt es, sobald es ihre Interessen oder die ihrer Verbündeten stört. Die Kurden warten seit einem Jahrhundert auf ihren Staat. Die Sahrauis leben seit fünfzig Jahren in Flüchtlingslagern. Die Tibeter wurden durch eine systematische Kolonisierungspolitik in der Han-Masse ertränkt. Die Katalanen, die Schotten, die Tamilen und viele andere fordern das Recht, selbst über ihr Schicksal zu entscheiden. Aber alle stoßen unter Berufung auf die „nationale Souveränität” des Landes, das sie einsperrt, auf eine glatte Ablehnung.
Dabei: Was würde sich in der überwältigenden Mehrheit der Fälle konkret ändern, wenn ein Volk seine Autonomie erlangen würde? Nichts Wesentliches für den Rest der Welt. Der menschliche Gewinn wäre immens, und die geopolitischen Nachteile würden sich auf eine administrative Neuaufteilung und ein paar nachzuverhandelnde Verträge beschränken.
Nur dass die Staaten, die sich als Eigentümer „ihrer” Minderheiten betrachten, bereits beim bloßen Gedanken daran, das geringste Stück Territorium abzutreten, völlig unverhältnismäßige Reaktionen zeigen. Das geht von banaler Polizeirepression über Bürgerkrieg bis hin zu ethnischer Säuberung und glattem Genozid. Die souveränistische Paranoia ist eine politische Pathologie, die viel mehr Menschen das Leben gekostet hat als die meisten zwischenstaatlichen Konflikte.
Eine Lösung gibt es jedoch, und sie ist von entwaffnender Einfachheit. Das Recht jedes Volkes, unter UN-Aufsicht ein Selbstbestimmungsreferendum zu organisieren, international anerkennen, mit Validierung der Ergebnisse durch die internationale Gemeinschaft und der Verpflichtung des Ursprungsstaates, das Verdikt zu respektieren. Und um dem klassischen Einwand zuvorzukommen, das würde die Welt in Tausende unregierbarer Kleinststaaten zerfallen lassen, muss man daran erinnern, dass ein Referendum mehrere Zwischenlösungen hervorbringen kann. Eine Region kann sich sehr wohl dafür entscheiden, nicht völlig unabhängig zu werden, sondern zu einem föderierten Staat mit weitreichender Autonomie zu werden, während sie institutionelle Bindungen mit dem größeren Verbund beibehält, dem sie angehörte. Die meisten der aktuellen Identitätskonflikte würden auf diesem Weg eine akzeptable Lösung finden.
Und wenn man von den Vorteilen einer solchen Reform spricht, muss man daran erinnern, was Krieg wirklich beinhaltet. Wie wir bereits gesehen haben, sind das nicht nur Tote, die sich in Statistikspalten anhäufen. Es ist auch das systemische Elend, das die vertriebenen Bevölkerungen heimsucht, die in großem Stil praktizierte Folter in den Konfliktzonen, die Vergewaltigung, die als Kriegswaffe von praktisch allen Armeen der Welt eingesetzt wird, sobald sich die Gelegenheit bietet, und ganze Generationen von Kindern, die in Lagern ohne jede Zukunft aufwachsen. Die Selbstbestimmung der Völker anzuerkennen, ist keine diplomatische Spielerei. Es bedeutet, einen Ozean an Leiden zurückzudrängen, den man aus reiner politischer Feigheit weiterhin existieren lässt.
Wie soll man die UNO reformieren?
Alle Welt ist sich mehr oder weniger einig, dass die UNO in ihrer aktuellen Konfiguration nicht funktioniert. Vernichtende Diagnosen häufen sich seit Jahrzehnten, Reformkommissionen lösen einander ab, und die Berichte verstauben. Und wenn sich nichts bewegt, dann liegt das daran, dass das System genau von jenen blockiert wird, die bei einer Reform am meisten zu verlieren hätten. Denn natürlich werden die fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats nicht selbst die Abschaffung ihres Vetorechts beschließen.
Aber diese Sackgasse besteht nur, wenn man die Reform weiterhin als Zugeständnisse denkt, die man den Dominanten sanft abringen muss. Die Lösung besteht hingegen darin, diese Perspektive umzukehren, mit einer tiefgreifenden Reform der UNO, die von unten kommt. Anders gesagt, durch eine Auflehnung der Mehrheit der Staaten, die die permanente Blockade satthaben und die kollektiv beschließen könnten, das Ganze mit der Brechstange durchzusetzen.
Von den 193 UN-Mitgliedstaaten verfügen fünf über das Vetorecht. Damit bleiben 188 Länder, die es erleiden. Die meisten dieser Länder haben seit Jahrzehnten Beschwerden gegen ein System angesammelt, in dem ihre Interessen systematisch beiseitegewischt werden, sobald sie mit denen der fünf ständigen Mitglieder kollidieren. Ganz Afrika hat trotz seiner 1,4 Milliarden Einwohner keinen einzigen ständigen Sitz. Lateinamerika ebenso wenig. Südasien auch nicht. Indien, Brasilien, Nigeria und Indonesien wiegen demografisch und wirtschaftlich weit mehr als Frankreich oder das Vereinigte Königreich und haben in den strukturierenden Entscheidungen des internationalen Systems strikt nichts zu sagen. Der dadurch entstehende Frust ist massiv und uralt.
Das tatsächliche Kräfteverhältnis spricht eindeutig für eine Reformkoalition. Denn eine qualifizierte Mehrheit von Staaten, die gemeinsam eine Neuordnung der UN-Charta vorantreiben würde, hätte ein erdrückendes demografisches, wirtschaftliches und moralisches Gewicht. Dem gegenüber stehen die USA, Russland und China zusammengenommen, die trotz ihres Atomarsenals und ihres medialen Getöses ungefähr 1,9 Milliarden Einwohner repräsentieren. Der Rest der Welt zählt mehr als 6 Milliarden. Die Frage ist also nicht, ob eine solche Koalition eine Reform durchsetzen könnte. Die Frage ist, ob sie den politischen Mut aufbringen wird, sich dafür zu organisieren.
Wie auch immer, irgendwann wird man den Großmächten klipp und klar zu verstehen geben müssen, dass Schluss mit lustig ist. Wenn die USA nicht mitziehen wollen, dann sollen sie sich verpissen! Wenn Russland schmollt, dann soll es schmollen. Wenn China droht, sich zurückzuziehen, dann soll es sich zurückziehen. Die diplomatische und wirtschaftliche Isolation, die der Rest der Welt diesen Staaten auferlegen würde, käme sie extrem teuer zu stehen. Und zwar bei Weitem teurer als der Erhalt ihrer aktuellen Privilegien innerhalb des Systems. Denn keine Wirtschaft, sei sie chinesisch oder amerikanisch, kann in Autarkie florieren, wenn ihr 6 Milliarden Einwohner die für ihr Funktionieren lebenswichtigen Ressourcen entziehen.
Die Reform der UNO wird also kein Geschenk sein, das von den Mächtigen gewährt wird. Sie wird eine kollektive Selbstermächtigung sein, ausgelöst von den Ländern, die genug davon haben, in der Position der Untergebenen gehalten zu werden. Das verlangt Organisation und die Bereitschaft zu einem Kräftemessen, das mehrere Jahre dauern wird. Aber das ist der einzig realistische Weg, denn alle anderen wurden ausprobiert und sind gescheitert.
Koordinierte Abrüstung und internationale Streitkraft
Wir haben gerade gesehen, dass eine Reform, die zur Abschaffung des Vetorechts in der UNO führen würde, bereits sehr positive Auswirkungen hätte. Aber man darf auf so gutem Weg nicht stehen bleiben. Wenn man wirklich mit dem Krieg Schluss machen will, braucht es eine echte Reform, die ihn strukturell unmöglich macht.
Das geht zunächst über die schlichte und einfache Abschaffung der Nationalarmeen. Denn diese hätten keine Daseinsberechtigung mehr, sobald das Völkerrecht tatsächlich angewendet wird. Solange sie fortbestehen, bleibt das Risiko zwischenstaatlicher Aggression bestehen, und eine institutionelle Reform bringt nichts. Man muss sie also auflösen, was eine planetarisch koordinierte Abrüstung voraussetzt.
Das Prinzip ist einfach. Alle Mitgliedstaaten werden ihre Streitkräfte schrittweise nach einem ausgehandelten Zeitplan reduzieren, der von internationalen Inspektoren überprüft wird, die vollständigen und unangekündigten Zugang zu allen militärischen Anlagen haben. Die konventionellen Arsenale werden stufenweise verkleinert, die Atomarsenale unter unabhängiger Kontrolle abgebaut, und die Verteidigungsbudgets werden auf ein Restniveau heruntergefahren, das ausschließlich den Bedürfnissen des Bevölkerungsschutzes und des Krisenmanagements entspricht. Und nach einigen Jahrzehnten werden die Nationalarmeen, wie wir sie heute kennen, als Instrumente geopolitischer Aggression schlicht und einfach nicht mehr existieren.
Selbstverständlich wird trotzdem stets die Möglichkeit bestehen, dass bewaffnete Konflikte vom Typ Guerilla ausbrechen. Genau zur Bewältigung dieser Situationen muss man eine permanente internationale Eingreiftruppe schaffen, die der direkten Autorität der UNO unterstellt wird. Ihre Aktivierung wird ausschließlich über eine Mehrheitsabstimmung nach den strengen Regeln der neuen Charta erfolgen. Diese Truppe wird aus Kontingenten bestehen, die von der Gesamtheit der Mitgliedstaaten nach einer gerechten Verteilung gestellt werden. Ihr Einsatz wird durch präzise Einsatzregeln eingerahmt, die ihre Zweckentfremdung zugunsten partikulärer Interessen unmöglich machen.
Diese Truppe wird zwei Hauptaufgaben haben. Die erste wird darin bestehen, einen sofortigen Waffenstillstand durchzusetzen und die Zivilbevölkerung zu sichern, sobald ein Konflikt auszubrechen droht. Die zweite wird darin bestehen, gegen Regime einzuschreiten, die UN-Beschlüsse verletzen würden. Und man muss klar verstehen, dass in diesem neuen Rahmen das Argument vom „Land, das Krieg will” nicht mehr greift. Denn wenn ein Machthaber in den Krieg ziehen will, dann ist es nie seine gesamte Bevölkerung, die das mit ihm will. Und einem solchen isolierten Machthaber stehen dann nicht mehr nur ein paar besorgte Nachbarn gegenüber, sondern alle anderen Staaten der Welt, die sich verpflichtet haben, das Völkerrecht durchzusetzen. Unter diesen Bedingungen ist das Kräfteverhältnis derart, dass der Dialog der einzig mögliche Weg sein wird, um politische Differenzen überall auf der Welt zu lösen.
Letztendlich ist es genau wie der Entzug einer harten Droge, aus dem Kult der Nationalarmeen auszusteigen. Die ersten Jahre werden hart sein, denn Jahrhunderte kriegerischer Reflexe lassen sich nicht innerhalb einer einzigen Generation abstreifen. Und dann wird der Moment kommen, in dem die Menschheit ihre militaristische Vergangenheit mit Bestürzung betrachten und sich fragen wird, wie sie nur so lange an einem derartigen Schwachsinn festhalten konnte.
Länder ohne Armee sind bereits Realität
Die Idee einer Welt ohne Nationalarmeen entlockt den Reaktionären oft nur ein Kichern. Alle denken, das sei zwar hübsch auf dem Papier, könne aber in der realen Welt nicht funktionieren. Nur dass dieses Konzept in der Realität bereits seit Jahrzehnten in mehreren Ländern umgesetzt ist, denen es im Allgemeinen viel besser geht als ihren militarisierten Nachbarn.
Der emblematischste Fall ist der von Costa Rica. 1948 hat dieses zentralamerikanische Land seine Armee schlicht und einfach abgeschafft. Siebenundsiebzig Jahre später ist Costa Rica nie von irgendjemandem überfallen worden. Die kolossalen eingesparten Summen wurden massiv in Bildung und Gesundheit reinvestiert. Damit wurde es zu einem der stabilsten und am besten entwickelten Länder der Region. Und während sich seine Nachbarn in blutigen Bürgerkriegen verstrickten, die von überdimensionierten Armeen befeuert wurden, entwickelte sich Costa Rica zu einer friedlichen und prosperierenden Demokratie. Der wirtschaftliche Aufschwung Costa Ricas verdankt dieser Entscheidung enorm viel. Es gibt also keinen Grund zur Überraschung, das ist schlicht das Ergebnis einer vernünftigen Politik dieses Landes.
Costa Rica ist kein Einzelfall. Panama hat seine Armee 1990 abgeschafft. Island hatte nie eine. Liechtenstein hat seine 1868 aufgelöst. Mehrere Inselstaaten im Pazifik funktionieren seit ihrer Unabhängigkeit ohne Streitkräfte. Niemand hat sie überfallen. Niemand erwägt das ernsthaft zu tun. Der Beweis durch das Beispiel ist erbracht. Die Armee ist kein Entwicklungsfaktor, ganz im Gegenteil.
Am Rande sei die monumentale Heuchelei der Schweizer angemerkt, die ihre „Neutralität” pausenlos als moralische Tugend verkaufen, gleichzeitig aber eine der pro Einwohner teuersten Armeen Europas unterhalten und einer florierenden Rüstungsindustrie Heimat bieten. Die Schweizer Neutralität ist also nur ein Marketingtrick und keine pazifistische Politik. Die wirklich neutralen Länder sind diejenigen, die ihre Streitkräfte abgeschafft haben, nicht diejenigen, die hochrüsten und schwören, dass sie niemals zu Gewalt greifen werden.
Der andere klassische Einwand gegen die Idee der Abschaffung lautet, ein Land ohne Armee stünde im Falle einer eventuellen Aggression „mit heruntergelassenen Hosen” da. Dieses scheinbar unschlagbare Argument ist in Wirklichkeit völlig hohl. Um das zu verstehen, fragen wir uns ganz konkret, wozu die Armeen der überwältigenden Mehrheit der Länder eigentlich dienen. Belgien, Portugal, Rumänien oder Chile haben schlichtweg keine Chance gegen eine echte Großmacht, die sie überfallen wollte. Ihre Armeen wären in wenigen Wochen, wenn nicht Tagen, plattgewalzt. Die tatsächliche Funktion dieser Armeen ist also nicht die wirksame Verteidigung gegen eine massive Aggression, denn dazu sind sie unfähig. Es ist also nur extrem teure Staffage und nationaler Möchtegern-Prestige. Schlicht und einfach deshalb, weil der wirkliche Schutz dieser Länder vollständig auf internationalen Allianzen beruht und auf der Tatsache, dass niemand wirklich Interesse oder Lust hat, sie zu überfallen.
Und dann gibt es noch ein schwaches Signal, das es wert ist, hervorgehoben zu werden, weil es viel über die aktuelle Tendenz aussagt. Die Armeen der ganzen Welt haben seit einigen Jahren beispiellose Rekrutierungsschwierigkeiten. USA, Vereinigtes Königreich, Frankreich, Deutschland, Russland … Überall dasselbe, die Streitkräfte tun sich schwer, ihre Ziele zu erreichen, und müssen ihre Anforderungen nach unten korrigieren. Das kommt daher, dass die jungen Generationen massiv weniger motiviert sind als ihre Älteren, eine Uniform überzustreifen und ihre Haut für Sachen zu riskieren, deren Legitimität sie anzweifeln. Das heißt, die traditionellen Argumente über Ehre, Vaterland und Pflicht prallen an ihnen ab wie Wasser am Entengefieder. Und vieles spricht dafür, dass dies das Vorzeichen vom Ende des großen militärischen Zirkus ist. Nicht durch UN-Dekret, nicht durch eine große internationale Konferenz, sondern schlicht durch die Erschöpfung des menschlichen Treibstoffs. Und im weiteren Sinne durch den massiven Rückgang der Kriegsunterstützung im Lauf der Generationen.
Fazit: Antimilitarist und stolz darauf!
Tut mir leid, dass ich den Überraschungseffekt versaut habe, aber zum Abschluss dieser Veröffentlichung kann ich euch stolz mitteilen, dass ich absolut keinerlei Ambitionen habe, für irgendein Land in den Krieg zu ziehen. Womit meine Chancen, jemals eine Medaille zu bekommen, gegen null gehen. Aber ehrlich gesagt ist das eher eine Erleichterung. Und falls es welche gibt, die mich als Antimilitaristen bezeichnen wollen: Danke für das Kompliment! Das beweist, dass ich ein Hirn habe, im Gegensatz zu manchen Leuten, denen ein Rückenmark reicht, um blind Befehle zu befolgen und politische Lügen zu schlucken.
Falls du jetzt denkst, alles, was in diesem Artikel ausgeführt wird, seien nur schöne Worte: Stimmt schon, man kann immer untätig bleiben, und in 10 Jahren werden wir genau am gleichen Punkt stehen, wenn nicht schlimmer. Aber man kann auch intelligent handeln. Dafür ist die Politik im hehren Sinne des Wortes ein erstklassiger Weg. Davon ausgehend kannst du bei Wahlen für Kandidaten stimmen, die sich zum Pazifismus bekennen. Solche gibt es in einigen Ländern, man muss bloß ein wenig suchen. Und wenn es keine gibt? Nun, dann hindert dich nichts daran, in deinem Land eine politische Bewegung zu gründen, die unter anderen progressiven Vorschlägen auch diese Sache verteidigt. Vielleicht bringt das nichts, aber vielleicht funktioniert es auch. Letztlich hängt alles davon ab, wie viel Energie du in dieses Projekt steckst. Persönlich weiß ich nur eins: Wenn man sich mit ganzem Herzen in ein Projekt stürzt, dann stehen die Chancen sehr gut, dass es zu guten Ergebnissen führt.
Ich habe viel Zeit damit verbracht, diesen Artikel zu schreiben. Im Gegenzug also bitte daran denken, ihn zu teilen, damit auch andere Leute davon profitieren können. Du kannst ihn über deine Netzwerke verbreiten, ja sogar ausdrucken, um ihn zu verteilen. Es ist Copyleft 🙂 Bitte denke auch daran, die Seite zu unterstützen, denn wir haben große Projekte zu realisieren, die dir bestimmt nützlich sein werden. Jetzt, da ich meinen Job in Sachen Aufruf zur Beteiligung erledigt habe, bleibt mir nur noch, dir zum Abschluss dieses Textes Love & Peace zu wünschen.
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