Vor 500 Jahren legte Étienne de La Boétie die Grundlagen des Anarchismus, und das ist aktueller denn je.

In diesem Artikel erfährst du, warum ein einziges schmales Buch einen so gewaltigen positiven Einfluss auf unsere Zeit haben konnte, indem es Tausende von Intellektuellen und humanistischen Aktivisten weltweit inspiriert hat.
Wenn man von anarchistischen Ideologen spricht, denkt man sofort an Autoren, die uns zeitlich relativ nahestehen, wie Bakunin oder Kropotkin. Aber trotz ihres Talents vergisst man dabei allzu leicht, dass die anarchistische Philosophie lange vor ihnen entstanden ist. Um diese riesige Lücke zu schließen, reden wir heute über Étienne de La Boétie. Einen 18-jährigen Kerl, der alles über die Perversität der Macht verstanden hatte. Sein einziges Werk, Abhandlung über die freiwillige Knechtschaft, hat seit 1549 nichts von seiner Schärfe verloren. Ein Autor also, den man dringend entdecken oder wiederentdecken sollte.
Étienne de La Boétie: Ein Junge aus dem Südwesten Frankreichs, der die Welt aufrütteln wird
Wir befinden uns in den 1540er Jahren, mitten in der Renaissance. Europa erlebt eine intellektuelle Revolution ohnegleichen. Der Buchdruck verbreitet Ideen mit einer bis dahin unbekannten Geschwindigkeit, die Humanisten entdecken griechische und römische Texte neu. Und überall beginnt man, die etablierten Autoritäten zu hinterfragen. Ganz gleich ob Kirche, Könige oder andere Dogmen.
In diesem Kontext wird Étienne de La Boétie 1530 in Sarlat im Südwesten Frankreichs geboren, in einer Familie gebildeter Magistrate. Sein Vater stirbt, als er noch klein ist, und sein Onkel übernimmt seine Erziehung. Ein Onkel, der den neuen Ideen der Renaissance aufgeschlossen gegenüberstand — und das war alles andere als eine Nebensächlichkeit.
Der junge Étienne ist ein Wunderkind. Schon früh lernt er Latein und Griechisch, um die Texte der Antike zu verschlingen. Anschließend geht er an die Universität Orléans, um Recht zu studieren — ein echtes Zentrum des Humanismus, dessen Lehre nichts mehr mit der alten mittelalterlichen Scholastik gemein hat. Zu seinen Professoren gehört Anne du Bourg, ein Protestant, der 1559 gehängt wird, weil er es gewagt hatte, den König herauszufordern. Man kann sich vorstellen, dass die Atmosphäre dort nicht gerade die einer ruhigen Uni war.
In diesem intellektuellen Aufruhr, etwa 1548-1549, verfasste La Boétie seine berühmte Abhandlung über die freiwillige Knechtschaft. Er war gerade einmal zwischen 16 und 18 Jahre alt! Genau weiß man es nicht. Als wahrscheinlichen Auslöser darf man das Folgende nennen: Im Jahr 1548 erhob sich das Volk im Südwesten Frankreichs gegen eine ungerechte Steuer. Als Antwort darauf erstickten die königlichen Truppen den Aufstand im Blut. Man darf also davon ausgehen, dass der junge La Boétie von dieser Gewalt tief geprägt wurde.
Mit nur 23 Jahren trat er anschließend als Ratsherr in das Parlement de Bordeaux ein. Genau in dieser Zeit begegnete er einem gewissen Michel de Montaigne. Aber das ist eine andere Geschichte, von der wir dir weiter unten erzählen werden. Am Ende starb er leider 1563 im Alter von nur 32 Jahren. Vermutlich an Ruhr und ohne seinen explosiven Text je selbst veröffentlicht zu haben.
Die Abhandlung über die freiwillige Knechtschaft ist eine mächtige Waffe gegen die Tyrannei
Der Titel des Buches fasst allein schon seine ganze Sprengkraft zusammen. Freiwillige Knechtschaft. Zwei Wörter, die nichts miteinander zu tun haben, und die dennoch eine Wirklichkeit beschreiben, die vor La Boétie niemand so klar auszusprechen gewagt hatte.
Sein Ausgangspunkt ist von entwaffnender Schlichtheit: Wie kommt es, dass Millionen von Menschen sich einem einzigen Mann unterwerfen? Dabei hat der Tyrann nur zwei Augen, zwei Hände und einen einzigen Körper. Er hat also nichts mehr als der letzte Einwohner der kleinsten Stadt im Königreich. Woher kommt dann seine Macht?
La Boéties Antwort trifft wie eine schallende Ohrfeige. Der Tyrann verdankt seine Macht nicht der eigenen Stärke. Er verdankt sie einzig und allein uns. Unserem Einverständnis. Unserem Gehorsam. Es sind unsere Augen, die in seinem Auftrag spionieren, unsere Hände, die ihn ernähren, und unsere Arme, die ihn verteidigen. Ohne unsere aktive Mitwirkung ist der fürchterlichste Diktator nichts weiter als ein einsamer, nackter Mann.
Und genau da treibt La Boétie den Nagel mit unerbittlicher Logik weiter ein. Es geht nicht einmal darum, sich zu empören, die Waffen zu ergreifen oder irgendetwas umzustürzen. Es reicht schlicht, nicht mehr einzuwilligen. Aufzuhören, das Biest zu füttern. Die Unterstützung zu entziehen. Das ist alles. Denn an dem Tag, an dem ein Volk kollektiv beschließt, nicht mehr zu gehorchen, bricht die Macht des Tyrannen wie ein Kartenhaus zusammen. Was bedeutet: Diese Macht hatte nie auf etwas anderem beruht als auf der Unterwerfung derer, die er zu beherrschen vorgab.
Man kann kaum ermessen, wie revolutionär dieser Gedanke für die damalige Zeit war. Denn im 16. Jahrhundert galt die Macht der Könige als heilig, angeblich von Gott gewollt. Deshalb wagte es so gut wie niemand, das Prinzip der Autorität als solches infrage zu stellen. Und dann taucht ein 18-jähriger Student auf und sagt im Wesentlichen: Das Problem ist nicht der Tyrann, das Problem seid ihr. Ihr, die ihr die Architekten eures eigenen Gefängnisses seid.
Die 5 Mechanismen der freiwilligen Knechtschaft nach La Boétie
Für diese Zeit war es schon enorm, die Diagnose zu stellen. Aber La Boétie macht dabei nicht halt! Er demontiert ein nach dem anderen die Zahnräder der Unterwerfungsmaschine. Und genau das ist es, was seinen Text fünf Jahrhunderte später noch immer so erschreckend hellsichtig macht.
Die Gewohnheit. Das ist der erste und der gefährlichste der Mechanismen. Wer unter der Tyrannei geboren wird, kennt nichts anderes. Man dient ohne Bedauern und tut freiwillig, was die Väter nur unter Zwang getan hätten. La Boétie fasst es in einer glasklaren Formel zusammen: Man vermisst nie, was man nie hatte. Wer die Freiheit nie gekostet hat, weiß nicht einmal, was ihm fehlt. Er nimmt den Zustand der Knechtschaft für seinen natürlichen Zustand. Genauso wie ein Pferd, das von Geburt an abgerichtet wird, sich am Ende von selbst unters Geschirr stellt.
Die Ablenkung. Der Tyrann begnügt sich nicht damit, durch Gewalt zu regieren. Er betäubt das Volk mit Vergnügungen. La Boétie spricht von “Betäubungsmitteln“: Theater, Spiele, Possen, Spektakel, Feste… Kurzum all die Zerstreuungen, die den Geist beschäftigen und die Aufmerksamkeit vom Wesentlichen ablenken. Die Römer hatten das mit Brot und Zirkusspielen bereits verstanden. Das Prinzip hat sich seitdem nicht geändert, nur die Mittel haben sich weiterentwickelt. Heutzutage ist der Zirkus rund um die Uhr auf allen unseren Bildschirmen präsent.
Der Aberglaube und die Inszenierung der Macht. Die ägyptischen Pharaonen zeigten sich nie ohne geheimnisvolle Symbole auf dem Kopf. König Pyrrhus ließ das Volk glauben, sein Daumen habe Wunderkräfte, und das Volk erfand ihm selbst immer neue Superkräfte. Durch seine Recherchen hatte La Boétie bestens begriffen, dass Macht auf einer permanenten Inszenierung beruht. Der Tyrann umgibt sich mit dem Heiligen, dem Geheimnisvollen, mit Ritualen… Und das Volk glaubt am Ende, dass derjenige, der es beherrscht, von überlegener Natur ist.
Die pyramidale Kette der Mitschuldigen. Das ist die brillanteste Analyse der Abhandlung. Der Tyrann regiert nie allein. Er umgibt sich mit fünf oder sechs Vertrauten, die fünfhundert Personen unter ihrer Fuchtel haben, die ihrerseits fünf- oder sechstausend kontrollieren. Und so weiter… Jedes Glied der Kette zieht einen kleinen Vorteil aus seiner Position. Was ausreicht, um seine Loyalität zu sichern. So ernährt sich das System selbst, weil jeder seinen Teil davon hat, vom Minister bis zum kleinsten Beamten. Und am Ende ist jeder zugleich Mitschuldiger und Opfer.
Das Malencontre. Das ist das geheimnisvollste und tiefgründigste Konzept des Textes. La Boétie behauptet, dass die Knechtschaft nicht immer existiert hat. Dass es in der Geschichte einen Moment gab, einen tragischen Unfall, ein ursprüngliches Unglück, das er das Malencontre nennt. Einen Moment, in dem die Menschen von der Freiheit in die Knechtschaft gefallen sind. Und ab diesem Umbruch hat sich die Erinnerung an die Freiheit allmählich ausgelöscht, bis schließlich sogar das Verlangen nach Freiheit verschwunden ist. Die Auswirkungen dieses Unfalls würden sich von Generation zu Generation verstärken, bis sich niemand mehr daran erinnert, dass eine andere Welt möglich ist. Wie kann man dieses Konzept anders deuten als als Ausdruck einer anarchistischen Utopie? Gewiss, man kann diesen Standpunkt als etwas anachronistisch empfinden. Aber die Frage verdient es, gestellt zu werden, denn sie lädt zu einer konstruktiven Debatte ein.
Warum betrachten wir Étienne de La Boétie als Anarchisten avant la lettre?
Achtung, das sei sofort klargestellt. La Boétie hat sich nie als Anarchist bezeichnet. Er hat nie in einer politischen Bewegung mitgemacht und verbrachte sein kurzes Leben damit, die sehr offizielle Funktion des Ratsherrn im Parlement de Bordeaux auszuüben. Auf dem Papier war er also alles andere als ein Revolutionär.
Aber genau das macht seinen Text noch radikaler. Denn La Boétie greift nicht einen bestimmten Tyrannen an, noch ein bestimmtes politisches Regime. Er greift das Prinzip der Macht eines Menschen über einen anderen als solches an. Er ist damit wahrscheinlich der erste Denker der Geschichte, der schwarz auf weiß festhält, dass soziale Beziehungen die Unabhängigkeit der Individuen in keiner Weise einschränken dürfen. Und genau das ist der eigentliche Kern des anarchistischen Denkens.
Was ihn von allen politischen Denkern unterscheidet, die ihm vorangingen, ist, dass er kein Ersatzsystem vorschlägt. Er sagt nicht “Ersetzen wir den schlechten König durch einen guten König“. Er sagt nicht, Demokratie sei besser als Monarchie. Lange vor Louise Michel sagt er einfach etwas viel Grundlegenderes: Jede Macht ist von Natur aus toxisch, weil sie auf der Enteignung der individuellen Freiheit beruht. Die Lösung liegt also nicht in einem Regimewechsel, sondern in einem Bewusstseinswandel. An dem Tag, an dem die Individuen endlich begreifen, dass sie selbst die Quelle der Macht sind, die über sie ausgeübt wird, bricht die Herrschaft von selbst zusammen.
Wir befinden uns hier am genauen Fundament dessen, was manche Anarchisten später den gewaltlosen zivilen Ungehorsam nennen werden. Kein Griff zu den Waffen, kein Staatsstreich, kein Bürgerkrieg. Nur der Entzug des Einverständnisses. Das ist von einer fast naiven Schlichtheit. Und dennoch ist es die mächtigste Waffe, die je gegen Unterdrückung erdacht wurde.
Zwei Jahrhunderte nach La Boétie wird Jean-Jacques Rousseau seine berühmte Formel schreiben: “Der Mensch ist frei geboren und liegt überall in Ketten“. Aber La Boétie geht in Wirklichkeit weit über Rousseau hinaus. Wo sich der Aufklärungsphilosoph damit begnügt, den Widerspruch festzustellen, identifiziert der Junge aus dem Südwesten Frankreichs dessen tiefe Ursachen und schlägt einen Ausweg vor. Es ist kein Zufall, dass Historiker des politischen Denkens ihn heute als den Vater des gewaltlosen Ungehorsams betrachten, lange vor Thoreau, lange vor Tolstoi und lange vor Gandhi.
Von La Boétie zu Gandhi: Die Überlieferungskette des zivilen Ungehorsams
Die Abhandlung über die freiwillige Knechtschaft hatte ein völlig verrücktes Schicksal. Denn es ist ein Text, der von einem Jugendlichen in den 1540er Jahren geschrieben wurde, zu seinen Lebzeiten nie veröffentlicht, und der dann fünf Jahrhunderte überquert und die größten Befreiungsbewegungen der Geschichte beeinflusst. Blick zurück auf einen abenteuerlichen Weg:
Alles beginnt nach La Boéties Tod im Jahr 1563. Sein bester Freund Michel de Montaigne erbt das Manuskript und plant, es als Herzstück in seine eigenen Essais einzufügen. Aber die Zeiten ändern sich. Im Jahr 1572 stürzt das Massaker der Bartholomäusnacht Frankreich in Schrecken und die Protestanten bemächtigen sich des Textes, um den bewaffneten Widerstand gegen den König zu rechtfertigen. Sie taufen ihn Contr’un und veröffentlichen ihn 1574 anonym in einem Sammelflugblatt. Montaigne bekommt Angst. Er zieht die Abhandlung aus seinen Essais zurück, um nicht mit den Calvinisten in Verbindung gebracht zu werden, und ersetzt den Text durch Sonette seines Freundes. 1579 verurteilt das Parlement de Bordeaux das Werk dazu, auf dem Marktplatz verbrannt zu werden. La Boétie ist seit sechzehn Jahren tot, aber sein kleines Buch fängt bereits an, die Macht zum Zittern zu bringen.
Der Text durchquert dann die Jahrhunderte im Untergrund und taucht in jeder Epoche des Kampfes gegen die Unterdrückung wieder auf. Während der Französischen Revolution schöpft Marat ausgiebig daraus für seine Ketten der Sklaverei und geht sogar so weit, ganze Passagen zu plagieren, ohne La Boétie je zu zitieren. 1835 ist es der ehemalige Priester und zum sozialistischen Abgeordneten gewordene Lamennais, der das Werk wieder in Umlauf bringt. Ab da verlässt die Abhandlung die Bibliotheken der Widerständler nie mehr.
Doch erst im 19. Jahrhundert nimmt die Überlieferungskette eine weltweite Dimension an. Denn 1849 veröffentlicht der Amerikaner Henry David Thoreau Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat, nachdem er eine Nacht im Gefängnis verbracht hat, weil er sich geweigert hatte, eine Steuer zu zahlen, die zur Finanzierung der Sklaverei und des Krieges gegen Mexiko diente. Sein Denken steht in direkter Kontinuität zu La Boétie: Der Bürger hat die Pflicht, sein Einverständnis zu entziehen, wenn der Staat die Ungerechtigkeit institutionalisiert. Leider geht Thoreaus Text bei seinem Erscheinen völlig unter. Es sollte mehrere Jahrzehnte dauern, bis er aus dem Schatten trat, dank eines gewissen Lew Tolstoi, des bedeutenden russischen Schriftstellers, der auch ein radikaler Pazifist war. Er selbst übersetzte die Abhandlung über die freiwillige Knechtschaft ins Russische.
Durch Thoreau und Tolstoi schließlich erreichten diese Ideen Gandhi. Als er 1906 in Südafrika inhaftiert wurde, entdeckte der junge indische Anwalt Thoreaus Über die Pflicht zum Ungehorsam und Tolstois pazifistische Schriften. Diese Lektüren prägten ihn tief, und er entwickelte daraus sein Konzept des Satyagraha, das den Widerstand durch Gewaltlosigkeit bedeutet. In den folgenden Jahrzehnten führte Gandhi den Kampf für die Unabhängigkeit Indiens, und seine einzige Waffe war der massenhafte Entzug der Zustimmung des Volkes. Genau das, was La Boétie vier Jahrhunderte zuvor theoretisiert hatte. In den 1950er und 1960er Jahren übernahm Martin Luther King den Staffelstab in den Vereinigten Staaten, indem er sich ausdrücklich auf Gandhis Erbe stützte, um die Bürgerrechtsbewegung zu führen.
La Boétie, Thoreau, Tolstoi, Gandhi, Martin Luther King. Fünf Namen, fünf Jahrhunderte und ein einziger roter Faden: Macht besteht nur durch das Einverständnis derer, die sie beherrscht, und gewaltloser Ungehorsam ist die mächtigste Waffe, um sie zu Fall zu bringen. Der Junge aus dem Südwesten Frankreichs konnte sich offensichtlich nicht vorstellen, dass seine kleine Studienarbeit eines Tages dazu beitragen würde, Indien vom britischen Kolonialismus zu befreien und die schändliche Rassentrennung in Amerika zu beseitigen.
Die freiwillige Knechtschaft im 21. Jahrhundert: Warum La Boétie aktueller ist denn je
Fünf Jahrhunderte trennen uns von der Abhandlung über die freiwillige Knechtschaft, und dennoch reicht es, sich umzuschauen, um festzustellen, dass La Boétie sie gestern Morgen hätte schreiben können. Denn die Mechanismen, die er beschrieben hat, haben nicht nur überlebt, sie haben sich vor allem bis zu einem Punkt verfeinert, den er sich wahrscheinlich nie zu erträumen gewagt hätte.
Nehmen wir seine berühmten “Betäubungsmittel”, diese Ablenkungen, die der Tyrann dem Volk anbot, um es einzuschläfern. Die Theater und die Spiele des römischen Zirkus verblassen neben dem, was wir heute haben. Das endlose Scrollen in sozialen Netzwerken, das Binge-Watching auf Streaming-Plattformen, die permanenten Benachrichtigungen auf unseren Smartphones, die Videospiele, die gezielt Sucht erzeugen… All das wurde von Heerscharen von Ingenieuren gedacht, designt und optimiert, deren einziges Ziel es ist, unsere Aufmerksamkeit so lange wie möglich zu fesseln. La Boétie sprach von Betäubungsmitteln. Das Wort war nie so buchstäblich treffend wie heute. Das digitale Dopamin ist die am massivsten verteilte Droge in der Geschichte der Menschheit, und wir verlangen nach mehr.
Die Gewohnheit, dieser erste Pfeiler der Knechtschaft, den La Boétie identifiziert hatte, funktioniert heute genauso. Man vermisst nie, was man nie hatte. Ganze Generationen wachsen in einer Welt auf, in der die permanente digitale Überwachung die Norm ist, in der es so selbstverständlich erscheint wie das Atmen, sein gesamtes Privatleben einer Handvoll kalifornischer Multis anzuvertrauen. Wer noch nie eine Welt ohne Werbeverfolgung, ohne Gesichtserkennung, ohne ständige Ortung kannte, empfindet keinen Mangel. Er nimmt für seinen Naturzustand, was in Wirklichkeit nur ein Zustand der Knechtschaft ist.
Auch die von La Boétie beschriebene Pyramide der Mitschuldigen hat ihr modernes Äquivalent gefunden. Die GAFAM regieren nicht allein. Sie stützen sich auf Millionen von Entwicklern, Content-Creatoren, Influencern, Werbern, Start-ups, Tech-Journalisten, die alle einen Vorteil aus ihrer Position im Ökosystem ziehen. Jedes Glied der Kette hat ein Interesse daran, dass das System fortbesteht. Der kleine Instagram-Influencer, der sein Publikum monetarisiert, ist das perfekte zeitgenössische Äquivalent des kleinen Beamten im Dienst des Tyrannen, der über dessen Missbräuche hinwegsah und dafür ein paar Vorrechte einstrich.
Und die Inszenierung der Macht, die La Boétie bei den Pharaonen und Königen beobachtet hatte? Sie ist nicht verschwunden, sie hat nur ihr Kostüm gewechselt. Die Keynotes von Apple, die TED-Talks, der messianische Kult um die Figur des visionären CEOs, die Mythologie der kalifornischen Garage, in der Technologieimperien entstehen. All das erfüllt exakt dieselbe Funktion wie der Wunderdaumen des Königs Pyrrhus. Nämlich die Macht mit einer geradezu mystischen Aura zu umhüllen, damit niemand auf die Idee kommt, sie infrage zu stellen.
Aber das Schaurigste bleibt das Malencontre. Dieser kollektive Gedächtnisverlust, den La Boétie vor fünf Jahrhunderten beschrieben hatte, verstärkt sich gerade vor unseren Augen. Wer erinnert sich noch daran, dass das Internet als freier und dezentralisierter Raum gedacht war? Wer erinnert sich noch daran, dass man leben, arbeiten, kommunizieren und sich informieren konnte, ohne von einer privaten Plattform abhängig zu sein? Diese Erinnerung verwischt mit jedem Jahr ein bisschen mehr, und mit ihr verschwindet sogar der Wunsch nach einer anderen möglichen Welt. Genau der Prozess, den La Boétie beschrieben hatte: Die Folgen des Malencontre verstärken sich von Generation zu Generation, bis sich niemand mehr daran erinnert, dass man frei war.
Die demokratische Illusion und die Macht der Milliardäre: La Boétie hatte alles vorausgesehen!
Es gibt einen Aspekt der freiwilligen Knechtschaft, den La Boétie nicht mehr erleben konnte, den seine Analyse aber mit chirurgischer Präzision verständlich macht. Es geht um die demokratische Illusion.
Das Prinzip ist von erschreckender Wirksamkeit. Man gibt dem Volk das Recht, alle vier oder fünf Jahre zu wählen, und lässt es glauben, dass diese Geste ausreicht, um es zum Herrn seines Schicksals zu machen. In Wirklichkeit tut der Bürger in der Wahlkabine genau das, was La Boétie vor fünf Jahrhunderten beschrieben hat: Er delegiert freiwillig seine Macht an jemand anderen. Er willigt in seine eigene Entmündigung ein und ist sogar stolz darauf, weil man ihn konditioniert hat zu glauben, das sei wahre Freiheit. Insofern hatte La Boétie den Mechanismus mit erschreckender Hellsicht formuliert: Das Volk verwechselt schließlich den Akt der Unterwerfung mit einem Akt der Souveränität. Und wenn man das Ganze dann noch mit George Orwells 1984 vermischt… Willkommen in unserer traurigen Epoche!
Aber die wahre Macht ist nicht einmal mehr politisch. Denn hinter der demokratischen Fassade sind es die wirtschaftlichen Kräfte, die wirklich die Zügel halten. Letztlich üben die Milliardäre aus Tech, Finanzen, Agrarwirtschaft und fossiler Energie auf unser Leben einen unendlich größeren Einfluss aus als irgendein Gewählter. Und man braucht kein großer Analytiker zu sein, um zu bemerken, wer wirklich entscheidet, was wir essen, was wir anschauen, wie wir kommunizieren, welche Informationen uns erreichen und welche im Dunkeln bleiben. Alles ist darauf ausgelegt, unsere Wünsche, unsere Gewohnheiten und unsere Denkweisen zu formen. Und das alles, ohne dass diese finsteren Mächte jemals von irgendjemandem gewählt worden wären.
Dabei sind diese Leute nur deshalb Milliardäre, weil wir sie dazu gemacht haben. Jeder Kauf bei Amazon, jede Stunde auf Instagram, jedes Abonnement einer Streaming-Plattform, jede Tankfüllung bei einem Ölkonzern, jede Mahlzeit bei McDonald’s ist ein Akt des Einverständnisses. Wir füttern also freiwillig die Maschine, die uns beherrscht. Das hatte La Boétie in Worten von bestechender Schlichtheit so treffend formuliert: Der Tyrann hat nur die Macht, die wir ihm geben. Also hören wir einfach auf, ihm Kredit zu geben, und schon ist er fast nichts mehr. Nur ein einfacher Mensch unter Menschen.
Genau hier berührt La Boéties Denken direkt die Macht des Boykotts. Wenn die Macht des modernen Tyrannen auf unserem Konsum beruht, dann ist die Konsumverweigerung das genaue Äquivalent des Einverständnisentzugs, den La Boétie sich erhoffte. Gandhi hatte das bestens verstanden, als er den Boykott britischer Waren in Indien ausrief. Martin Luther King hatte es verstanden, als er den Busboykott von Montgomery organisierte. In beiden Fällen war es der wirtschaftliche Entzug des Einverständnisses, der die Macht einknicken ließ.
Heute liegt diese Waffe in unseren Händen, und sie ist mächtiger denn je. Den Produkten eines Multis, der die Umwelt zerstört, den Rücken kehren, ein soziales Netzwerk verlassen, das unsere persönlichen Daten monetarisiert, freie statt proprietärer Software wählen, kurze Lieferketten gegenüber Plattformen des Großhandels bevorzugen: Jede dieser Gesten ist ein Akt des Ungehorsams in dem Sinne, wie La Boétie ihn verstand. Kein spektakulärer Aufstand, keine bewaffnete Revolution, sondern ein stiller und methodischer Entzug des Einverständnisses, der, wenn er kollektiv wird, die mächtigsten Imperien zu Fall bringen kann.
Aber trotz der bewiesenen und fürchterlichen Wirksamkeit dieser Methode hatte La Boétie auch erkannt, warum sie fast nie funktioniert. Der Hauptgrund ist, dass die Pyramide der Mitschuldigen dafür sorgt, dass jeder einen kleinen Vorteil aus dem System zieht, und die Mehrheit der Bürger Angst hat, die Illusion ihres kleinen Komforts zu verlieren. Der Amazon-Mitarbeiter zum Beispiel weiß sehr wohl, dass diese Struktur unmenschlich funktioniert, aber er braucht seinen kärglichen Lohn dringend. Der Influencer weiß sehr wohl, dass er ein toxisches System nährt, aber er lebt davon und genießt einen flüchtigen Ruhm. Der Verbraucher weiß sehr wohl, dass sein Smartphone unter inakzeptablen Bedingungen hergestellt wurde, aber er ist nicht bereit, den echten Preis zu zahlen, um die negativen ökologischen und sozialen Auswirkungen zu beseitigen. Und am Ende ist jeder zugleich Opfer und Mitschuldiger, genau wie die Untertanen des Tyrannen, den La Boétie vor fünf Jahrhunderten beschrieben hat. Findest du nicht, dass es ein gewaltiger Schock ist, sich das wirklich bewusst zu machen?
Als Bonus: Montaigne und La Boétie, die berühmteste Freundschaft der französischen Literatur
Wie ich am Anfang dieses Artikels angedeutet habe, kann man nicht über La Boétie sprechen, ohne über Montaigne zu reden. Denn ihre Beziehung ist im Laufe der Jahrhunderte zum absoluten Archetypus der Freundschaft geworden, bis zu dem Punkt, dass sie manchmal das Werk selbst in den Schatten stellt.
Alles begann mit einem Buch. In den 1550er Jahren war Michel de Montaigne ein junger Richter am Parlement de Bordeaux, als ihm das Manuskript der Abhandlung über die freiwillige Knechtschaft in die Hände fiel. Der Text war noch nicht einmal veröffentlicht, er kursierte nur unter der Hand. Aber Montaigne war von der Lektüre so erschüttert, dass er mit allen Mitteln den Autor zu treffen suchte. Und als sich die beiden Männer 1558 endlich zufällig bei einem Fest in Bordeaux begegneten, war es so etwas wie ein intellektueller Blitz. Eine unmittelbare gegenseitige Anerkennung zweier glänzender Geister, die sich suchten, ohne es zu wissen.
Ihre Freundschaft dauerte sechs Jahre. Sechs kurze Jahre, bevor der Tod alles zerbrach. Im Jahr 1563 erkrankte La Boétie auf einer Reise in den Südwesten schwer. Montaigne eilte trotz der Ansteckungsgefahr an sein Bett und verließ ihn während seiner dreitägigen Agonie nicht mehr. Auf dem Sterbebett vermachte La Boétie ihm seine gesamte Bibliothek und alle seine Manuskripte. Er war erst 32 Jahre alt.
Dieser Verlust hat Montaigne verwandelt. Vor La Boéties Tod hatte er nie etwas geschrieben. Es war das Verschwinden seines Freundes, das ihn dazu trieb, zur Feder zu greifen. Die Essais zum Beispiel, dieses monumentale Werk, das die Weltliteratur revolutioniert hat, wurde unmittelbar aus Montaignes Schmerz geboren. Ein literarisches Muss, das geschrieben wurde, um die Abwesenheit des verlorenen Freundes zu überbrücken. Im Kapitel Über die Freundschaft versuchte Montaigne zu erklären, was sie verband, mit einer Formel, die der Nachwelt überliefert ist: “Wenn man mich drängt zu sagen, warum ich ihn liebte, spüre ich, dass dies nur so ausgedrückt werden kann: weil er er war, weil ich ich war.”
Was an dieser Geschichte so faszinierend ist, ist die Rolle, die Montaigne im Schicksal der Abhandlung über die freiwillige Knechtschaft gespielt hat. Ohne ihn wäre der Text wahrscheinlich verschwunden. Denn es war er, der das Manuskript aufbewahrte, davon sprach und die Erinnerung an seinen Freund und sein Werk wachhielt. Aber es war auch Montaigne, der seine Verbreitung verhinderte, indem er ihn aus seinen Essais zurückzog, als die Protestanten den Text für politische Zwecke vereinnahmten. Schutzherr und Zensor zugleich, aus Freundschaft und aus Vorsicht. Eine Dualität, die viele kennen. Sagt man nicht, dass wir alle unsere Widersprüche haben? Zumal wir in einer Zeit leben, die uns leider permanent dazu drängt, zwischen dem moralisch Vertretbaren und dem Unvertretbaren zu wählen. So sehr, dass man am Ende oft die eigenen Maßstäbe verliert.
Am Ende ist da etwas tief Stimmiges zwischen dieser großen Freundschaft und La Boéties Denken. Denn die Abhandlung über die freiwillige Knechtschaft ist im Grunde ein Text über die Bande zwischen Menschen. Über das, was sie frei verbindet, und über das, was sie in Ketten schlägt. La Boétie hat die Knechtschaft als eine pervertierte Beziehung zwischen Menschen beschrieben. Und er hat mit Montaigne das genaue Gegenteil davon gelebt. Eine Beziehung, die auf einem Verhältnis unter Gleichen beruhte, gegründet auf gegenseitigem Respekt und wechselseitiger Freiheit. Was uns den lebendigen Beweis liefert, dass authentische menschliche Beziehungen jenseits jeder Logik der Herrschaft möglich sind.
Fazit: Die Macht des Schreibens gegen den Dampfhammer der Subkultur
Ich bin schon sehr früh Schriftsteller geworden, weil ich früh die Macht des Schreibens verstanden habe, indem ich große Autoren gelesen habe. Nicht unbedingt groß durch ihre Berühmtheit, sondern groß durch ihre Ideen. Menschen wie La Boétie eben, die fähig waren, mit einigen Dutzend Seiten die Welt zum Zittern zu bringen.
Zu meinem Leidwesen durchleben wir eine ziemlich traurige Epoche. Denn heute zensiert man keine Bücher mehr. Man verbrennt sie auch nicht mehr. Es ist viel hinterhältiger als das: Die Marktwelt tötet die Literatur auf kleiner Flamme, indem sie die kleinen engagierten Verlage verschwinden lässt und die kleinen Buchhändler extrem prekarisiert. Daneben werden die Regale mit miserablem Mist überflutet, der nur dem Namen nach ein Buch ist. Von Amazon und seinem Berg an Unrat, genannt E-Books, von denen immer mehr vollständig von KI geschrieben werden, ganz zu schweigen.
Also sage ich es ohne Umschweife: Die Literatur stirbt! Sie wird fast vollständig von den GAFAM und anderen Mächten, denen Kultur ein echtes Ärgernis ist, erstickt. Dadurch werden Leser immer seltener. Das kommt daher, dass das Gehirn des Homo modernus langsam darauf konditioniert wird, nur noch kurze Inhalte zu ertragen. Wie Video-Stories oder Microblogging-Posts. Und daneben wird alles, was eine kleine Konzentrationsanstrengung verlangt, zunehmend von der KI zusammengefasst. Was dem Ganzen natürlich die ganze Seele nimmt.
Unter diesen Bedingungen, nach all den Jahren, in denen ich wirklich großen Spaß daran hatte, Bücher zu schreiben und meinen Lesern zu begegnen, warum sollte ich mir die Zeit nehmen, ein Werk zu schreiben, das kein angemessenes Vertriebsnetz finden wird? Es hat mich geschmerzt, das zuzugeben, aber meine Tätigkeit als Schriftsteller gehört inzwischen einer anderen Epoche an. Es bleibt mir also nur noch NovaFuture und sein NovaMag als Plattform für meine freie Meinungsäußerung.
Und selbst da sehe ich, dass es immer komplizierter wird. Ganz einfach weil nicht nur das Buch stirbt, sondern auch das geschriebene Format im Allgemeinen.
Was also tun, um die Aufmerksamkeit zurückzugewinnen? Um gegenüber dem Dampfhammer der Subkultur weiter zu existieren? Ganz ehrlich, heute habe ich darauf leider noch keine Antwort. Alles, was ich weiß, ist, dass ich nicht vorhabe, mich von den dunklen Kräften der Tech auslöschen zu lassen. Ein neues Ausdrucksmedium zu finden war bereits eine erste Antwort. Für den Rest, also wieder Gewicht im öffentlichen Diskurs zu haben, scheint mir klar, dass nur unsere Leser uns helfen können, ein hinreichend großes Publikum aufzubauen, um den Dampf umzudrehen. Und diese Aktion kann jetzt beginnen. Dank dir 🙂
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Und zum Schluss: Wenn du dich in großzügiger Stimmung fühlst, nimm dir gern ein paar Sekunden Zeit, um uns einen Kaffee zu spendieren, denn das hilft uns, die Seite am Laufen zu halten. Bis bald für weitere Abenteuer. Bleib dran bei NovaFuture, denn wir sind noch lange nicht fertig damit, richtig was zu liefern.